Die Brunnen

Meine Erinnerung an einen vor Jahren in Thailand gebauten Brunnen, in einem Dorf mit komplett anderen Voraussetzungen wie in diesem hier, zündete in mir einen Funken.
Eines Morgens früh machte ich mich auf die Suche nach einem Fabrikanten für Betonringe, falls ich überhaupt einen finden würde. Es vergingen Stunden der ergebnislosen Suche. Erst gegen Abend, als ich kurz davor war aufzugeben, fand ich was ich gesucht hatte.
Ich kontaktierte einen Mann, der mich offensichtlich nicht verstand, der mir aber deutete mich bedienen zu wollen. Kurze Zeit darauf kehrte er mit einem andern mittelgrossen und sehr hageren Mann zurück. Dieser sprach fliessend französisch und ich erklärte ihm, dass ich die Absicht hätte in Rohal einen Brunnen zu bauen. „Gut“ sagte er „morgen früh sehen wir uns das Ganze an“. Am nächsten Tag früh fuhren wir auf drei alten Motorrädern, Überbleibsel aus dem Krieg, los. Nach rund einer
Stunde waren wir im Dorf angekommen. Die Einheimischen diskutierten untereinander und wir kamen überein, die benötigte Ware am nächsten Tag ins Dorf zu transportieren. Wir erklärtem einem Jungen Mann, wie er beim Aushub vorgehen soll und weg waren wir. Eine Woche später war der Brunnen gebaut und die Dorfbewohner waren überglücklich endlich Zugang zu richtig sauberem Wasser zu haben.
Vor meiner Abreise in die Schweiz schlägt mir mein französisch sprechender Mittelsmann vor, mich weiterhin für seine Landsleute einzusetzen. Ich willigte ein und wir blieben in Kontakt.
Im folgenden Jahr kehrte ich zurück und wir realisierten weitere 14 Brunnen und im Jahre 1996 weitere 40 … und so fort, war ich doch bereits fest „gefangen“ im endlosen Sog diesen Menschen zu helfen. Es folgten nochmals 105, dann weitere 70 und so weiter. Bis wir im Jahr 2004 mehr als 850 Brunnen, wovon 50 auf ausdrücklichen Wunsch von Piergiorgio Tami, der heute Honorarkonsul der Schweiz in Kambodscha ist, in der Provinz Kratié gebaut hatten.
 


Die Schulen

Das Kapitel Schulen begann rein zufällig. Eines Morgens brachen wir zum Dorf Kok-Bang auf, um jene Region zu besuchen, in der wir rund 20 Brunnen errichten sollten. Mitten auf dem Dorfplatz befand ich mich plötzlich vor einer Schulklasse, die Mitten in einer Lektion stand. Eine Schule gab es nicht. Die Kinder sassen unter den Bäumen an ihren Tischen mit Kreidetafeln und im Hintergrund das Foto des Königs und das der Königin. Ich sagte zu mir „Wie schön“ dachte dann aber „was ist wenn es regnet… was während des Monsuns?“. Ohne zu Zögern fragte ich den Anführer des Dorfes, er möge mir eine Bewilligung ausstellen, damit ich hier eine richtige Schule bauen könne.
Er liess sich nicht zweimal bitten und schon ich hatte die Dokumente in meinen Händen.

Ich kehrte in das Tessin zurück und liess überall verbreiten, dass ich vor hatte in Kambodscha eine Schule zu bauen. Viele Freunde und Bekannte, welche über meine Aktivitäten Bescheid wussten, entschieden sich dabei zu unterstützen. Langsam kamen immer mehr spontane Beiträge zusammen, zum Teil auch namhafte. Die „Associazione degli Amici di Padre Mantovani“ (Vereinigung der Freunde von Pater Mantovani) erfuhr von meinen Plänen und sie riefen mich und andere zu sich, um ihnen meine Projekt zu erläutern. Schliesslich entschieden sie sich dafür, die erste Schule im Dorf Kok-Bang zu finanzieren.
 


Spitäler, oder wie die Kambodschaner sagen: Gesundheitszentren

Auch diese Idee entstand aus purem Zufall. Ich befand mich damals, im Jahr 2002-2003, in der Region von Po Pale in der Provinz Siem Reap. Einer äusserst armen Region, weit entfernt von den städtischen Zentren und ohne Anschluss an das Strassennetz. Die einzige Strasse, wenn man davon sprechen kann, bricht an einem Punkt ab und von da weg sind die ärmlichen Hütten nur noch mit dem Motorrad oder im Geländewagen auf einem schmalen Pfad zu erreichen. Während der Regenzeit sind mindestens sechs bis sieben Dörfer vollständig isoliert oder nur mit grosser Mühe zu erreichen.
Ich beschloss, in eben dieser Gegend ein Spital oder eine Notfallstation zu bauen. Ich hatte mich bei einigen Dorfchefs nach der Möglichkeit erkundigt, ob sie mir etwas Bauland abgeben könnten. Sie boten mir ein kleines Stück Land an, etwas abseits vom Dorf aber immer noch in der Umgebung.
Der Abt des Klosters, wo ich mein tägliches Mittagessen einnahm, hatte sich persönlich darum gekümmert. Er war stets sehr hilfreich und kümmerte sich, zusammen mit den Mönchen darum, dass die wirklich armen Familien ihre tägliche Portion Reis bekamen, welches ihr Hauptnahrungsmittel ist. Wir verteilten bei verschiedenen Gelegenheiten Tonnen von gespendetem Reis. Dann begutachteten wir die Stelle an der das Spital gebaut werden sollte und machten ein Gruppenfoto.
An einem Tag an dem ich besonders motiviert war, sammelte ich all meine Kräfte und ging, zusammen mit Theara ins Büro des Chefs des Gesundheitsdienstes der Provinz von Siem Reap, um ihm unser schwieriges und ambitioniertes Projekt darzulegen (Das Büro lag direkt gegenüber von meinem Gasthaus).
Ich wurde im Erdgeschoss von einem Funktionär empfangen und erklärte ihm mein Anliegen. Er lächelte nur und schlug mir vor mich damit an die Caritas zu wenden, damit sie sich der Sache annehme … Erfahrungen auf diesem Gebiet waren nun gefragt, etwas worüber ich nun wirklich nicht verfügte.
Ich verliess das Gebäude bitter enttäuscht aber nicht mutlos und legte eine Denkpause ein, um die Lage neu zu beurteilen. Während ich nachdachte was zu tun sei schlug mir Theara vor, welche mich sehr gut kannte und wusste, dass, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte, nicht so leicht aufgeben würde, einen gemeinsamen Freund anzurufen, der in der Stadtverwaltung arbeitete.
Wenige Tage später traf man sich und er versprach uns zu helfen. Er kennt den Chef des Gesundheitsdienstes gut und unterbereitete ihm unser Projekt. Dieser aber lehnte das Projekt ab mit der Begründung, die Zentralregierung verfüge bereits über eine Karte der Standorte, wo medizinische Zentren benötigt würden, und sie unterstütze solche Pläne nur in Regionen mit mehr als 10'000 Einwohnern. In „meiner“ Region hatte es nur wenige Dörfer, die Zahl der armen Einwohner erreichte die 10'000 bei Weitem nicht.
Ohne jede Erfahrung wäre es verantwortungslos gewesen, das Projekt alleine durchzuziehen. Insbesondere die Suche und Einstellung von geeignetem Personal wie auch den tägliche Betrieb sicher zu stellen.
Welches waren nun die Alternativen? Alles aufgeben oder den Plänen der Regierung folgen? Das hätte geheissen: Personal, medizinische Apparate und Medikamente würden nur finanziell unterstützt, wenn das medizinische Zentrum in dicht besiedeltem Gebieten gebaut würde.
Nachdem ich alle möglichen Lösungen studiert hatte, erwies sich jener Vorschlag als der Beste, den der Chef des Gesundheitsdienstes gemacht hatte. Wir gingen gut vorbereitet in unserem nächsten Treffen und es wurde beschlossen dass, falls das Geld ausreiche, das erste Gesundheitszentrum in Dam Nak Slang gebaut werden sollte. Die mehr als 10'000 Einwohner der rund zehn umliegenden Dörfer könnten davon Gebrauch machen.
Als ich im Mai 2004 in das Tessin zurückkehrte, hatte ich ein erstes Projekt, mit dem dazugehörigen Budget, in der Tasche. Es umfasste drei Trakte: einen Haupttrakt, einen Trakt für die Tuberkulosekranken, einen Wohnblock für das medizinische Personal sowie 4 Toiletten.
Vor meiner erneuten Abreise nach Kambodscha im Januar 2005 äusserte ich, während eines Treffens mit der Associazione degli Amici di Padre Mantovani meinen Wunsch, ein Gesundheitszentrum in einer sehr ärmlichen Gegend zu bauen. Ohne zu zögern forderten sie mich auf, alle notwendigen Informationen zur Realisierung des Projektes zusammen zu tragen und tönten an, dass sie den Bau eventuell unterstützen würden, wie sie es zuvor bei fünf schulischen Einrichtungen getan hatten.
Ich glaube es war im Juli 2005, als ich bei einem weiteren Treffen mit dem Komitee der AAPM die Pläne für das „Spital“ vorgelegt hatte und sie mir versprachen, mir ihre Entscheidung in den nächsten Tagen mitzuteilen. Nach wenigen Tagen kam die Antwort: „Das Komitee hat entschieden deinem Vorschlag zu folgen und übernimmt sämtliche Kosten in dieser Angelegenheit“ – dem Gesundheitszentrum von Dam Nak Slang!
Ich habe sofort Theara informiert. Überglücklich über die Unterstützung so vieler Leute im Tessin haben wir umgehend die mühsamen Verhandlungen mit den politischen und medizinischen Behörden vor Ort aufgenommen. Es war alles andere als einfach und ich habe vom Tessin aus alles mit Bangen mitverfolgt.
Schnell haben wir gesehen, dass das uns zur Verfügung gestellte Grundstück zu klein war. Dieser Umstand führte zu Verzögerungen bei den Verhandlungen. Es folgten unzählige Versammlungen bis wir gegen Ende Oktober 2005 mit dem Bau beginnen konnten. In der Zwischenzeit wurde, dank der grosszügigen Unterstützung vieler Tessiner, mit dem Bau eines zweiten, identischen Gesundheitszentrums begonnen – vielen Dank! Dieses befindet sich etwa 30 Kilometer nördlich im Dorf Sra Nal und ist nur über ein ungeteertes Strässchen in denkbar schlechtem Zustand erreichbar. Der Hin- und Rückweg dorthin sind eine wahre Qual, wie zwei Besucher aus dem Tessin erleben mussten.

Wie beim anderen Zentrum können mit diesem rund 10'000 Einwohner aus zehn verschiedenen Dörfern versorgt werden. Bei beiden Zentren, erwiesen sich die Arbeiten auf Grund mannigfacher Problem, als sehr schwierig. Wir wurden angetrieben von der Leidenschaft und der Freude, der ansässigen Bevölkerung, die von jeder medizinischen Versorgung abgeschnitten war, helfen zu können.
Wir hatten schlaflose Nächte aufgrund der grossen Probleme, die zu bewältigen waren, die Müdigkeit machte uns zu schaffen wie auch die Temperaturen von 40 Grad Celsius im Schatten und den 35 Grad des Nachts im Zimmer. Trotz allem … wir haben letztendlich gewonnen!
Von Beginn bis Mitte Juni haben wir die Zentren zur Freude aller eingeweiht. Den Bauern, den lokalen Behörden, die in grosser Zahl erschienen waren bis hin zu den Autoritäten von der Regierung, alle waren sie gekommen. Bei der Einweihung des ersten Zentrums war der Gesundheitsminister persönlich zugegen, bei der zweite sein Vize. Zusammen mit den Medizinern, die sie begleiteten, konnten sie zwei äusserst nützliche und ambitionierte Projekte bestaunen, die nur realisiert werden konnten dank unserer Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit, welche uns auszeichnen!